Hamburg – Ein Experte für den Schulsport: Der pensionierte Hamburger Gymnasiallehrer für Biologie und Sport, Dr. Andreas Franke-Thiele, arbeitet als freiberuflicher Dozent, wissenschaftlicher Beirat und Fachbereichsleiter für Athletik und Fitness an der Akademie für Sport, Gesundheit und Ernährung (ASGE) in Hamburg. Sportwissenschaftler Franke-Thiele widmete sein gesamtes Leben dem Sport, besaß Lehraufträge an Hochschulen in Deutschland und im Ausland und promovierte über ein Thema zur sportkulturellen Entwicklung. In einer Doktorandengruppe von Prof. Naul beschäftigte er sich an der Gesamthochschule Essen mit der Entwicklung von Multifunktions-Courts in Deutschland. Squash faszinierte und begleitete Franke-Thiele seit seiner Schulzeit, später als Sportlehrer in der Hamburger KAIFU Lodge und Lehrbeauftragter für Rückschlagspiele an der Universität Hamburg.

Im DSQV-Interview mit Dr. Franke-Thiele steht das Thema Schule und Squash im Fokus. Er spricht zudem u.a. über Trends in der Sportentwicklung und seine Rolle in der DSQV-Initiative SquashUp!
DSQV: Hallo, Andreas. Wie bist du zum Squashsport gekommen?
Dr. Andreas Franke-Thiele: Moin, Lennard. Als Hamburger Jung legte ich im Stadtteil Barmbek mein Abitur ab. Ich hatte das große Glück, dass wir einen Handball-Nationalspieler als Tutor an der Schule hatten, der uns Squash als Freizeitsport beigebracht hat.
DSQV: Was macht für dich die Faszination Squash aus?
Dr. Andreas Franke-Thiele: Ich mag es, wenn es schnell und reaktiv zugeht und man vorausdenken muss, wie man andere austricksen kann. Durch die Spielfeldbegrenzung der Wände bleibt der Ball quasi immer im Spiel und verschwindet nicht im Aus. Es ist für mich faszinierend, den Ball über mehrere Banden oder die Rückwand zu schlagen, da so ein sehr variantenreiches Spiel mit vielen Überraschungen entsteht. So wird es nie langweilig!
DSQV: Du bist in wissenschaftlichen Studien auf sogenannte „Megatrends“ gestoßen, die als Eckpfeiler in der Entwicklung von Sportarten zwingend zu berücksichtigen sind. Kannst du diese im Hinblick auf Squash exemplarisch grob erläutern?
Dr. Andreas Franke-Thiele: Als die fünf „Megatrends“ der Sportentwicklung gelten Individualisierung, Gesundheit, Konnektivität, Silver-Society und Digitalisierung.
Der Trend zur Individualisierung im Sport bedeutet, dass Sport immer stärker nach den persönlichen Bedürfnissen, Interessen und Lebensumständen der Einzelnen ausgerichtet wird, statt sich an festen Vorgaben von Vereinen, Mannschaften oder traditionellen Teamsportarten zu orientieren. Menschen gestalten ihre sportlichen Aktivitäten zunehmend selbstbestimmt und unabhängig von festen Gruppen, Organisationen oder festen Zeiten. Breitensportlich gespieltes, zeitlich flexibles Squashen passt also schon in diesen gesellschaftlichen Trend!
Beim Trend zur Gesundheit geht es um die Sichtbarmachung des gesundheitlichen Werts im Sport z.B. durch Gesundheitschecks und äußerlich erkennbare Belastungssteuerung in unterschiedlichen Trainingsgruppen.
Der Trend und Wunsch zu mehr Konnektivität erfordert, dass interne und externe Kommunikationsmöglichkeiten im Center gegeben sind wie z.B. WLAN, Gastronomie, Sitzplätze für Zuschauende.
Silver-Society thematisiert den wachsenden Anteil des Seniorensports und die Notwendigkeit entsprechender Angebote.
Zuletzt ist die Digitalisierung bereits in einigen Centern durch digitalen Check-In oder Buchung von Courts gut sichtbar vertreten. Hier gibt es Entwicklungsbedarf, um im Trend und damit attraktiv zu sein.
Mein Antrieb bei allem war und ist immer: Wohin geht es im Sport der Zukunft- und wie muss man dann eine Sportart wie Squash zukünftig darauf ausrichten? Wichtig ist nach meiner Überzeugung, sogenannte Szenen zu kreieren, in denen sich Sporttreibende der Zukunft – in den gesellschaftlichen Trends – wiederfinden können.
Das könnten z.B. folgende Szenen sein:
- One-Wall-Squash,
- SloMo-Squash,
- Cross-Squash,
- Outdoor-Squash,
- Schwarzlicht-Squash oder
- Music-Squash
DSQV: Welche Rolle nimmst du in der DSQV-Initiative SquashUp! ein?
Dr. Andreas Franke-Thiele: Es fing alles mit der Kick-Off-Veranstaltung von SquashUp! im September 2024 in Hamburg an. Damals war ich noch wissenschaftlicher Beirat des Squash Facilities Network, einem internationalen Squash-Informationsportal für Anlagenbetreiber, und wohnte in dieser Funktion dem Kick-Off von SquashUp! bei. So lernte ich Simon Frenz kennen, einen der Mitinitiatoren von SquashUp!
Durch meine jahrzehntelange Sportlehrer- und Fortbilder-Tätigkeit im Schulsystem kenne ich die breite Palette an Hürden, die im Zusammenhang Schule und Squash zu überwinden sind. Das meint z.B. die Kenntnis über einzubindende Behörden, Lehrpläne, Unterrichtsformate usw.
Da die Hamburger Schulbehörde nicht auf meine angebotsorientierten Kontaktaufnahmen ansprang, habe ich mein für den Deutschen Squash Verband erstelltes Konzept an das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein (IQSH) gesendet. Dort wird die Ausbildung von angehenden Lehrern koordiniert und mir wurde nach einiger Zeit mit nützlichen Antworten weitergeholfen.
Über einen ehemaligen Lehrerkollegen wurde dann der Kontakt zum Coppernicus Gymnasium in Norderstedt hergestellt. Diese Schule ist inzwischen offizielle Modellschule der SquashUp! – Initiative. Dort werden beispielsweise Formate in One-Wall-Squash- und mobilen Courts in der Schule selbst sowie Lernangebote in einer nahegelegenen Squashanlage im Schulbetrieb erprobt. Diese Erfahrungen und die aller angehenden Sportlehrer mit Fachfortbildung für Squash vom IQSH werden im Anschluss zusammengetragen und stellen weiteres wertvolles Erfahrungswissen dar.
Inzwischen hat auch das IQSH grünes Licht gegeben, dass 14 angehende Sportlehrer an Lehrerfortbildungen für Squash landesweit in Schleswig-Holstein teilnehmen werden. Diese könnten dann in den Schulen Squash oder squashähnliche Spiele vermitteln.
DSQV: Du hast ja wie bereits erklärt ein ausführliches Konzept erstellt, wie die Zusammenarbeit Schule und Verein gelingen kann. Welche Tipps kannst du dem lokalen Squashverein um die Ecke mit auf den Weg geben, wenn auch dieser mit der nächstgelegenen Schule zusammenarbeiten möchte?
Dr. Andreas Franke-Thiele: Ganz wichtig ist es in erster Linie, einen persönlichen Ansprechpartner möglichst direkt aus der Sportlehrerschaft der jeweiligen Schule zu finden.
Danach gilt es gemeinsam Möglichkeiten auszuloten. Das heißt z.B., dass die Formate zu definieren sind, in denen die Kooperation Schule und Verein ablaufen soll, wie z.B. Nachmittagsangebote, Feriencamps, Sportprofil, Tag der offenen Tür etc.
Zudem gilt es festzulegen, wer das Material wie Schläger und Bälle stellt, der Transport zum nächstgelegenen Squashcenter ist zu besprechen. Die Sportlehrer sind dabei die zentrale Figur, diese müssen entsprechend für Squash zumindest grundsätzlich durch Fortbildungen qualifiziert sein. Insgesamt ist es wichtig, dass eine positive Grundstimmung herrscht und sich Leute zusammentun, die es auch wirklich beiderseitig wollen.
DSQV: Was ist für dich als Sportwissenschaftler und Sportlehrer die „perfekte Unterrichtseinheit“ für eine Schulsportklasse im Squash?
Dr. Andreas Franke-Thiele: Ganz wichtig ist ein gutes Warm-Up. Das muss auch nicht unbedingt auf dem Squashcourt stattfinden. Später sollten präventive Kraftübungen zur Prophylaxe von Verletzungen im Fokus stehen.
Des Weiteren muss der Sportlehrer mehrere Übungsangebote auf unterschiedlichem Niveau parat haben, um die Stärken und Schwächen einer differenzierten Schülerschaft zu berücksichtigen. Alle müssen also leistungstechnisch abgeholt werden! Da kann es auch mal ein Softball sein, der mit der Hand geschlagen wird. Es muss sich davon verabschiedet werden, dass es beim Erlernen der Sportart Squash zwingend immer ein Squashball sein muss, der mit einem Squashschläger gespielt wird.
Es geht vor allem darum, innerhalb des Prinzips ‚Rückschlagspielen‘ in Bewegung zu kommen und den Spaßfaktor konsequent hochzuhalten. Das konkurrierende Sporttreiben sollte daher am Anfang keinesfalls im Fokus stehen. Pädagogisch gewendet bedeutet das, ein ‚kooperierendes Sich-Gegenseitig-Fordern‘ methodisch zu initiieren.
Im Hauptteil einer Doppelstunde sollten nur 2-3 Übungsformen und nur 2-3 Beobachtungsmerkmale stehen, um die Lernenden nicht zu überfordern. Abschließend sollten 20 Minuten für ein freies Spiel eingeplant werden.
DSQV: Welchen gesellschaftlichen Mehrwert siehst du im Sport?
Dr. Andreas Franke-Thiele: Das ist für mich vor allem der gesundheitliche Aspekt. Sport verbessert nachweislich die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter. So können bspw. adipöse Menschen ihr Gewicht reduzieren oder bei Herz-Kreislauf-Problemen dieses stabilisiert werden, nur um einige von ganz vielen Wegen aufzuzeigen.
Zudem hat der Sport natürlich auch eine gesellschaftsverbindende Funktion: Er bringt Menschen mit gleichen Interessen zusammen und wird nicht ohne Grund oft als der sogenannte „Kitt unserer Gesellschaft“ bezeichnet.
DSQV: Gibt es etwas, was du zum Thema Entwicklung im Squashsport vielleicht schon immer mal sagen wolltest?
Dr. Andreas Franke-Thiele: Es müssen noch ganz viele Leute zusammenkommen, wenn Squash landes- und bundesweit in schulsportliche Angebote integriert werden und die breitensportliche Basis damit wachsen soll. Dazu müssen unterschiedlichste Austauschmöglichkeiten wie Kommunikationsforen geschaffen werden.
Ich wünsche mir, dass die Nominierung von Squash als olympische Sportart dazu führt, dass sich möglichst viele Schulen und Landessportämter an der Reaktivierung unserer tollen Sportart beteiligen und auch mal über den Tellerrand hinwegschauen.
Besonders attraktiv und zugleich niedrigschwellig finde ich die Anbindung an ausgewiesen gesundheitsorientierte Schulen, sportorientierte Schulen und Projektschulen der bundesweiten Initiative ‚Lernen durch Engagement‘. Da es in den genannten Bereichen immer an fachkundigen Multiplikatoren mangelt, möchte ich langfristig anregen, z.B. im Rahmen eines Leistungskurses Sport eine Squash-C-Trainerlizenz in den Unterricht zu integrieren.
Das Interview führte Lennard Jessen für den DSQV.




















